Fr

07

Okt

2011

Meine Reise zum Ende der Welt

Wenn dieser Beitrag im Blog auftaucht bin ich abgetaucht. Im wahrsten Sinne. Der Beitrag war ausreichend vordatiert, so dass ich genügend Zeit hatte, meinen Plan umzusetzen – oder den Text wieder zu löschen.

 

Quelle: B like Berlin

Ursprünglich wollte ich hier ausführlich meine Reise ans Ende der Welt beschreiben. Dann verließ mich die Lust lange Texte zu schreiben und die wenigsten Leute wollen heute noch lange Texte lesen – also ist uns allen gedient.

Meine Reise führte mich dahin, wo die Erde aufhört und wo das Meer beginnt. Ein passendes Bild für mein Vorhaben.

Ich habe eine lange und langsame Anfahrt gewählt. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Fernbus. So bin ich durch Länder, Landschaften und Städte gefahren, die ich kannte und auch welche, die ich noch nie gesehen hatte. Da die Haltestellen in der Regel mitten in der Stadt liegen fährt man nicht nur vorbei.

 

Von Berlin u.a. über Antwerpen und Brüssel nach Paris. Durch Paris und Versailles, durch die weite Ebene Westfrankreichs, Tours, am nächtlichen Bordeaux vorbei, über die Berge nach Spanien und weiter nach Portugal bis Lissabon führte mich der Weg. Leider konnte ich nicht alles auch sehen, vieles zog vorbei während ich schlief.

 

Nur kurz hatte ich überlegt einen Stopp in Lissabon einzulegen, aber die Stadt, die ich in Liebe kennengelernt hatte, hätte mir alleine keine Freude bereitet.

 

Mit portugiesischen Bussen fahre ich schnell weiter in den Süden. Die Fahrt über die Brücke des 25. April gönnt mir einen sehr langen Blick auf Lissabon, den Tejo und Belem und bis hinaus auf den Atlantik. Es geht weiter in den Algarve und an mein Ziel, Sagres. In weniger als 48 Stunden seit der Abfahrt bin ich angekommen und stehe in meinem Zimmer unter der Dusche.

Am 5. September bin ich in Berlin losgefahren, am 7. September bin ich hier angekommen, heute ist der 14. September. Seit einer Woche bin ich jetzt hier. Hier ist der Sommer, den es in Berlin nicht gab. Die Temperaturen liegen jeden Tag um die 30 Grad und am Himmel sind nur selten ein paar Schleier zu sehen.

 

Es gibt mir ein paar letzte schöne Tage zum Abschluss. Galao und Natas, frischer Fisch zum Abendessen, Spaziergänge auf den Klippen, stundenlang auf das Meer hinaussehen.

 

Überraschenderweise hört man hier mehr deutsche Laute als in den Straßen von Prenzlower Boerg oder Mitte, aber man muss sich nicht zu erkennen geben. Weil Sagres in einem Naturpark liegt ist es von den großen Hässlichkeiten wie in Albufeira oder Portimao verschont geblieben. Es ist sehr schön hier.

 

Heute, beim letzten Kassensturz habe ich bemerkt, dass ich viel weniger ausgegeben habe, als ich gekonnt hätte. Ich habe tatsächlich noch genügend Geld um noch gut zwei weitere Tage bleiben. Nur ändern würde das nichts. Es bleibt zurück, mit meiner Tasche, dem Laptop, meinen Lieblings-CD’s und anderen Dingen. Nur die Festplatte mit allen meinen Fotos darauf, die werde ich mitnehmen.

 

Ich will es nicht weiter hinauszögern, heute wird Schluss sein. Das bezahlte Zimmer wird die letzte Nacht leer bleiben und ich werde an einer der drei Stellen, die ich ausgewählt habe, den einen Schritt machen, der viele Meter in die Tiefe führt. Meinen letzten Schritt. Der untergehenden Sonne hinterher.

In den letzten Tagen habe ich gelegentlich gezweifelt, habe gezögert. Aber wenn ich auf einer der Klippen stand und senkrecht hinabschaute, schien es ganz einfach, zog es mich geradezu magisch an. Ich war mehr als einmal ganz kurz davor. Nur wollte ich keine Vorstellung vor Publikum geben und ich wollte mich irgendwie doch verabschieden.

 

Ich möchte nicht gehen, ohne einem Menschen ganz besonders zu danken. Dir verdanke ich es, dass die letzten Jahre trotz aller Schatten sehr schön waren. Danke dafür.

 

Den Boden unter den Füßen habe ich über lange Zeit verloren. Seit dem ersten Jahr dieses Jahrtausends, Stück für Stück. Zuerst habe ich es selbst nicht bemerkt. Bis es unübersehbar wurde. Manchmal konnte ich etwas Boden gewinnen, dafür brach dann an anderer Stelle etwas ab. Es erodierte mehr und mehr, bis meine Füße kaum noch Platz und Halt zum Stehen hatten.

Der letzte Schritt – vom bröckelnden Boden in die Unendlichkeit des Meeres war nur die letzte Konsequenz. Und so hoffe ich wenigstens, dass ich nicht morgen bei Ebbe auf den Strand gespült liege, oder heute Nacht als Beifang im Fischernetz ende. Es soll mich weit hinaus tragen und in die Tiefe hinunter ziehen.

 

Gedanklich begonnen habe ich meine letzte Reise vor zwei Monaten. Vor mehreren Jahren habe ich schon einmal darüber nachgedacht, welchen Weg, welches Mittel ich wählen könnte. Sicher, schnell und ohne lange zu leiden. Das ist der Grund, weshalb ich dieses Mal ziemlich schnell wusste wohin. Google Earth ist außerdem sehr hilfreich bei der Auswahl.

 

Nein, es gibt niemanden, der Schuld daran hat, zumindest niemand alleine. Es gab einige, die nicht richtig hingehört haben. Das schon.

 

Es gab einfach zu viele Verluste, zu viele Rückschläge, zu viele Tiefschläge, manchmal einfach nur Pech, zu viele Rat-Schläge. Keine Perspektive. Nach jedem missglückten Anlauf weniger Kraft, weniger Energie, weniger Kampflust. Die Haut immer dünner, der Mut immer weniger.

 

55 ist ein gutes Alter um zu gehen. Ich habe sehr viel erlebt. Sehr viele schöne Dinge erlebt und hatte schöne Zeiten in meinem Leben. Leider lebe ich inzwischen in der Gewissheit, dass die guten Zeiten alle hinter mir liegen und ich von der Zukunft nichts mehr zu erwarten habe.

 

Die Kinder haben mir immer und sehr gefehlt. Kein Kontakt mit meiner Tochter und mit dem Jungen, der heute schon ein Mann ist – und der für mich immer mein Sohn war. Das hat mich sehr gequält.

 

Und dann gibt es doch noch zwei Personen, die im Abspann unbedingt erwähnt werden sollen. Das ist zum einen der kleine Urenkel Quasimodos aus dem Finanzamt, (nur dass dieses fiskalische Exemplar weniger Menschlichkeit zeigt, als das Original). Vielen Dank für die fiskal-fundamentalistische Terror-Folter.

 

Und mein neuer „Kundenbetreuer“ im Jobcenter. Mit Kettchen und Hemd über der Hose und eindeutiger NVA-Attitüde. Eine Arbeit kann er mir auch nicht bieten. Aber Druck machen, mich fertig machen, um dem Staat Geld zu sparen.

 

Beide können jetzt ihre Aktendeckel schließen. Wenn der erste nicht so idiotisch gehandelt hätte, hätte der zweite mich nicht mehr kennengelernt. Vielleicht kann jemand dafür sorgen, dass sie es erfahren – im Finanzamt Charlottenburg und im Jobcenter Kreuzberg.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2

  • #1

    Birgit Kühr (Sonntag, 09 Oktober 2011 01:04)



    Ich kann beide Seiten sehr gut verstehen, die Menschen die aufgegeben haben und diejenigen, die jeden Tag kämpfen.

    Aber ich verstehe auch die Gegenseite, das Leben ist für viele so trostlos geworden. Ein Kampf ohne Ende, ohne ein Licht am Ende des Tunnels.

    Machen wir uns doch nichts vor, was sind wir denn, ein Nichts. Wir wurden in fast allen Punkten entmündigt. Unsere Daten, Konten und Krankenakten sind doch alle offen gelegt. Wir sind nur noch eine Nummer. Die Menschenwürde war unantastbar, steht jetzt auf unsere Stirn geschrieben.

    Warum brennt man uns nicht eine Nummer auf die Stirn? Das hätte viele Nachteile, aber auch Vorteile. Jeder Arsch könnte uns in den Hintern treten mit so einem Brandmahl. Man könnte sich so aber besser zusammen rotten.

    Als ich damals von Hartz IV hörte und das noch in der Planung war, dachte ich so schlimm kann das gar nicht werden. Aber es kam noch viel schlimmer, als ich es jemals erwartet habe. Anfang 2004 war ich noch nicht in den Protestbewegungen.

    Zu diesem Zeitpunkt bekam ich immer Alpträume. Ich hatte immer den gleichen Traum, dass ich als Obdachlose unter der Brücke geschlafen habe. Mein Mann lag neben mir und unser Hund hielt Wache. Schweißgebadet wachte ich dann immer auf.

    Ich wusste, ich muss etwas dagegen unternehmen. Also entschloss ich mich auf die Straße zu gehen. Aber niemand ging bei uns auf die Straße. Der Frust war groß, aber keiner protestierte. Also organisierte ich selber als Einzelperson die Demos in Angermünde.

    Meine Alpträume waren weg, aber meine Angst blieb. Nach außen musste ich immer Stärke beweisen, denn jetzt war ich für viele ein Vorbild. Viele klammerten sich an mich, wollten Ratschläge, die Presse belagerte mich vom In- und Ausland.

    Einzelne Politiker und Parteien luden mich zu Gesprächen ein, die Gewerkschaft wollte mich werben. Aber von denen wollte uns ja keiner richtig helfen, also versuchte ich andere Wege zu gehen. Ich gründete ein Bündnis, dann einen Verein usw.

    Aber die Leute verloren das Interesse oder meckern lieber zu Hause.

    Heute bin ich in Angermünde ganz alleine und fühle mich oftmals sehr einsam. Aber ich weiß, ich darf mit den Protesten nicht aufhören und muss mich wahrscheinlich ein Leben lang zur Wehr setzen.

    Ohne Gegenwehr würde das Amt wahrscheinlich auch mit meinen Mann wilde Sau spielen. Das kann und werde ich niemals zulassen. Ich habe einen lieben Partner, der meine Unterstützung braucht. Das weiß ich, deshalb lohnt sich auch der tägliche Kampf.

    Wenn ich nun wie viele andere ganz alleine wäre, wüsste ich nicht, was ich machen würde? Ich habe keine Angst vor dem Tod, vielleicht würde ich dann auch an Suizid denken?

    Ein Leben mit Hartz IV bedeutet ein Tod auf Raten. Mich stört nicht in erster Linie die Armut, sondern die Entmündigung, die Diskriminierung, die Versklavung und die Schikanen machen mir zu schaffen.

    Aber solange es noch Leute gibt wie hier von „Gegenwind“, habe ich einen Strohhalm wo ich mich festhalten kann.

  • #2

    Hans M. (Freitag, 21 Oktober 2011 20:50)

    Brilllliant, ich bin zu Tränen gerührt.Endlich mal Leute, die in etwa nachvollziehen, was ich fühle und denke,Dank HartzIV.
    Darum viel es mir auch schwer,... darauf zuschreiben.
    Ich war das letzte mal im Urlaub 1991. Da war an H4 noch nicht zu denken und da war ich das letzte mal GLÜCKLICH.

  • loading