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19

Mai

2011

Zum Beitrag vom 16.05.2011 CSU Ministerin: zu wenig …

Wider den Populismus

Studie zu Familienarmut räumt auf mit Klischee von faulen Arbeitslosen, die an ihren Kindern sparen

 

Von Ralf Wurzbacher


Heute taugt nur noch zum »Sozialpolitiker«, wer auch richtig gegen Erwerbslose hetzen kann. Dieser Tage hatte Bayerns Sozial- und Arbeitsministerin Christine Haderthauer (CSU) ihren großen Auftritt. Die Gesellschaft könne sich das »Motto, wer arbeitet, ist doof, nicht gefallen lassen«, und »Hartz IV darf nicht zum Lebensstil werden«, zog sie am Wochenende in der Passauer Neuen Presse vom Leder. »Durch die hohe soziale Absicherung bei uns ist offensichtlich zu wenig Leidensdruck vorhanden.« Abhilfe bringe deshalb »soziale Begleitung«, Vermittlung von »Lebenskompetenz« und ein erweitertes »Portfolio der Maßnahmen« der Jobcenter. Das hat gesessen: Die Tirade schaffte es in die Schlagzeilen, löste den üblichen »Sturm der Entrüstung« bei Opposition und Verbänden aus und hallte damit noch länger nach.

Das Klischee vom faulen, schmarotzenden und verwahrlosten Hartz-IV-Empfänger ist auch deshalb so hartnäckig, weil es sich schwer widerlegen läßt. Als Opfer ständiger Diffamierungen ziehen Betroffene eher verschämt den Kopf ein, als Einblicke in ihren oft bedrückenden Alltag zu geben. Von besonderem Wert ist deshalb eine neuere Studie des Diakonischen Werks Braunschweig und der Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz, die Ende April vorgelegt wurde. Laut Initiatoren handelt es sich dabei um die »wohl umfangreichste Untersuchung zum Thema Familienarmut, die in den letzten fünf Jahren auf kommunaler Ebene durchgeführt wurde«. In ihrem Rahmen haben 311 Familien mit geringem Einkommen, die ALG II, Sozialgeld, Sozialhilfe, Wohngeld oder Kinderzuschlag erhalten, in umfassenden Interviews ihre Lebenswirklichkeit zur Sprache gebracht.

Die Erhebung »Wirksame Wege ... gestalten«, räumt dabei mit einer Reihe gängiger Vorurteile auf. Dazu gehört jenes, wonach Eltern im Leistungsbezug vornehmlich an ihren Kindern sparen würden. Gefragt nach den Dingen, auf die wegen Geldmangels verzichtet werde, steht der Bedarf der Kinder mit einer Nennung von 24 Prozent auf dem letzten von 14 Rangplätzen. Zu den am häufigsten genannten Verzichtskategorien zählen dagegen Urlaub (93 Prozent), Kleidung (89), Kulturangebote (88), Geschenke (70), Sport (64) und Fortbewegung (62). Immerhin noch 58 Prozent der Befragten machen Abstriche bei Kaffee, Alkohol und Zigaretten. Damit müßte sich auch das Zerrbild vom saufenden, rauchenden, vor dem Fernseher lungernden Familienvaters erledigt haben.

Gegen die Vernachlässigung des Nachwuchses sprechen weitere Indizien: Bei insgesamt 13 Antwortmöglichkeiten wünschen sich Eltern am zweithäufigsten (48 Prozent) mehr Unterstützung bei schulischen Problemen, nur im Umgang mit Behörden besteht größerer Hilfsbedarf (57). Auch schicken einkommenschwache Eltern ihre Kinder nicht seltener in Ganztagsschulen. Es sei ihnen »mehrheitlich nicht egal«, wie die Bildungskarriere ihrer Kinder verlaufe, heißt es in der Studie. Doch Sozialministerin Haderthauer weiß es besser: »Es gibt Familien, in denen die schulpflichtigen Kinder die einzigen sind, die morgens noch aufstehen«, tönte sie in besagtem Interview. So schert man alle über einen Kamm. Als Populistin braucht sie auch keine Belege für die Unterstellung, daß mit langer Arbeitslosigkeit die »Produktivität abnimmt« und Betroffene deshalb erst »einsatzfähig gemacht« werden müßten.

 

In der Studie zur Familienarmut äußerten sich lediglich sechs von 73 Haushalten, in denen ergänzende Hartz-IV-Leistungen bezogen werden, »zufrieden« mit ihrer Situation. Knapp 83 Prozent derjenigen, die die Frage beantworteten, gaben an, lieber mehr arbeiten zu wollen, um nicht länger auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein. Nicht ein einziges Mal wurde dafür gestimmt, »gar nicht arbeiten und ausschließlich von ALG II leben« zu wollen. Entsprechend fällt das Fazit von Braunschweigs Diakonie-Direktor Lothar Stempin aus: »Das sind keine Faulpelze, die in der sozialen Hängematte liegen – im Gegenteil: Sie versuchen viel, um ihre Lage zu verbessern, und sparen zuletzt an ihren Kindern.«

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Kommentare: 1

  • #1

    Marit (Donnerstag, 26 Mai 2011 20:25)

    Ich würde auch lieber arbeiten als aufs Amt zu gehen denn dort wird man Menschen unwürdig behandelt!

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