Mi
01
Dez
2010
Stern TV-Reportage - Moderne Tagelöhner
Quelle: Readers-Edition
“Ich will kein Schmarotzer sein” - so untertitelte der neoliberale Schmutzsender “VOX” die Stern TV-Reportage.
Es ging um Arbeit, Arbeitslosigkeit, Hartz IV und das alltägliche neo-liberale Geplänkel. Da war ein Mann namens Konstantin, den man jeden Tag im “Tagesjobvermittlungs-Center” antrifft und der jede Arbeit annimmt. Ob schwere Arbeiten auf dem Bau, Umzüge oder einfach mal Plakate kleben. Mal hat er rund 1000 Euro im Monat, mal nur 300. Er will kein Sozialschmarotzer sein und so macht er eben jede Drecksarbeit im neo-libaralistischen Sinne, denn: “Ich kann mich nicht auf die faule Haut legen, ich muss etwas tun”, sagt er.
Die Einstellung ist sehr löblich aber auch kreuzgefährlich. Denn dieser Konstantin hat leider noch nicht begriffen wer in diesem Land die tatsächlichen Sozialschmarotzer sind. Es sind jene Leute, die mit ihren Dumpinglöhnen andere soweit bringen, dass sie jede Drecksarbeit annehmen und immer reicher und fetter werden. Es sind diejenigen, welche Verleihfirmen aus dem Boden stampfen und Sozialzuschüsse in Milliardenhöhe kassieren, während ihre Arbeiter oft noch Wohngeld beantragen müssen und dieser Konstantin macht bei all der Aubeuterei freiwillig mit, indem er mit seinem Verhalten die neo-libarale Denkweise, den Menschen nur noch auf seinen Arbeitswert zu reduzieren, unterstützt.
Als zweites Beispiel war eine Frau, die sie Michaela nannten und die täglich drei Jobs ausführt. Morgens um 2.30 Uhr beginnt ihr Tag mit Zeitungen austragen. Nach einem kurzen Frühstück zu Hause und die Kinder für die Schule fertig machen, geht es dann um 8 Uhr zu einem Apotheken-Großhandel bis mittags. Nachmittags schneidet die gelernte Friseurin dann noch Haare. “Ich arbeite rund 70 Stunden die Woche, abends um 21 Uhr bin ich so platt, dass ich sofort schlafen gehe”, erklärt sie. 1.200 Euro netto verdient sie so monatlich. Mit Hartz IV wäre es fast genau so viel. Aber: “Ich will nicht dem Staat auf der Tasche liegen, ich will unabhängig sein.” Die alleinerziehende Mutter möchte ihren Kindern etwas bieten können, Geld haben für die Hobbies der beiden Söhne, Fussball und Schlagzeug spielen. Dafür ist sie bereit, beinahe rund um die Uhr zu arbeiten.
Was versteht denn diese junge Frau unter Unabhängigkeit? Sieht bei ihr Unabhängigkeit so aus, dass sie vom Wohlwollen ihrer drei “Arbeitgeber” abhängig ist? Von 2.30 Uhr bis 21.00 Uhr nur auf Achse sein und dann einfach nur pennen, ist das Unabhängigkeit? Das ist keine Unabhängigkeit, sondern ABHÄNGIGKEIT von einem zutiefst unmenschlichen System, welches den Menschen nur noch als Ware sieht. Auch diese Frau gehört zu denjenigen, die mitschuldig sind, dass in unserer angeblich so modernen Gesellschaft Zustände wie im Feudalkapitalismus Einzug halten konnten. Solange es immer noch solche Verblödeten gibt, wird Leiharbeit, Tagelohn und Ausbeutung immer heftiger werden. Das hat mit einer modernen Gesellschaft nichts zu tun. Das ist ein Rückschritt in die frühen Anfänge des Kapitalismus und man kann solchen freiwilligen Tagelöhnern nur raten, sich den Film “Mohr und die Raben von London” anzusehen oder das Buch zu lesen. Doch wie soll diese Frau das bewerkstelligen bei drei Jobs und einer 70-Stunden-Arbeitswoche? Motto: “Auch wenn ich blöd bleibe, Hauptsache ich kann mich für die neo-liberale Eliten-Clique abrackern.”
Ich frage mich sowieso warum Fussballspielen und Schlagzeug Geld kosten soll. So einen Fussball gibts für 3 Euro und dann noch paar Turnschuhe für 10. Raus auf die Wiese damit und bolzen. Kostet nichts. Für Schlagzeugspielen genügt das Schlagzeug und dann lostrommeln. Wer Talent hat, braucht dafür keine Musikstunden. Aber im Neo-Liberalismus muss ja aus allem Geld geschlagen werden und es muss immer etwas kosten.
Der neo-liberale Gott heißt Mammon und der verlangt sein tägliches Blutopfer im Sinne von Geld, Geld, Geld.
Der dritte im Bunde dieser modernen Sklaven war ein Mann, der zusammen mit seiner Frau als Saisonkraft arbeitet. Dafür fährt nach Österreich und pennt dort in fremden Betten, schleppt Bier für Sauftrottel und ist der Meinung, dass keine Arbeit zu nieder und alles besser als Hartz IV sei. Man sah ihn wie er bei einem Saufgelage den Gästen einer Kneipe aus einem Schlauch Alkohol in den Mund spritzte und Maßkrüge wie ein Lastenesel schleppte, während seine Zunge selbst schon vor Durst auf dem Boden schleifte. Solche Bilder erinnern mich an Gelage im Alten Rom, wo die Oberen sich Sauf- und Fressorgien ergaben und die Sklaven sie bedienen mussten. Aber auch dieser Kerl wollte natürlich kein Sozialschmarotzer sein. Würde er aber auch nur ein Mal darüber nahdenken wer das ist, käme ihm in den Sinn, dass sein Wirt derjenige ist. Der holt sich nämlich ein paar billige Saisonkräfte, bezahlt sie pauschal und braucht natürlich keine Sozialabgaben bezahlen und steckt hübsche Reingewinne ein. Würde dieser nämlich auf eine nachhaltige Gastwirtschaft setzen und nicht auf saisonbedingte “Druckbetankungssauforgien” mit unglaublichen Stoßzeiten, wäre es ihm möglich, dauerhafte reguläre Arbeit zu schaffen, von dem die gesamte Gesellschaft etwas hat.
Jeder möchte und muss etwas tun aber es kann nicht sein, dass man um jeden Preis arbeitet. Das Leben eines Menschen, der sich vom primitiven Primaten und anderen Tieren vor allem durch seine Kreativität und die Fähigkeit des abtrakten Denkens unterscheidet, besteht nun mal nicht nur aus arbeiten, fressen, schlafen. Aber genau das ist es was wir alle im neo-liberalistischen Sinne tun sollen. Wenn ich drei Jobs habe, jeden Tag in einem Vermittlungs-Center sitze usw. kann ich erstens kein Hobby entwickeln, geschweige denn einem nachgehen, da sich mein gesamtes Leben nur um die Geldbeschaffung für den Lebensunterhalt dreht. Was ist das für ein Leben? Dieses Leben besteht dann wirklich nur noch aus arbeiten, fressen, schlafen und den täglichen Blick in die Volksverdummungsglotze und Bild-Zeitung. So haben es sich nämlich die Neo-Liberalisten gedacht. Wer ständig nämlich immer nur damit beschäftigt ist, zu überleben, denkt nicht über Gesetzmäßigkeiten nach, bildet sich auch nicht weiter, während die reichen Eliten diese Zeit haben, um kreativ zu sein. Und diese sind wirklich kreativ wenn es um die Ausbeutung der Menschheit geht. Das aber werden diese drei Beispiele der modernen Tagelöhner nie verstehen, denn sie haben nicht die Zeit und nach der Schufterei auch nicht mehr die geistige Kraft dafür.
(K.Fischer ist Mitbetreiber von www.schnakenhascher.de)
Gegenwind e. V.
Arbeitsloseninitiative
Glauchau-Zwickau-Cloppenburg







