Sa
19
Jun
2010
Der Armen-Anwalt
Ein überfordertes Jobcenter, ein strapaziertes Sozialgericht und ein pfiffiger Anwalt, der die Schwächen des Hartz-IV-Systems offenlegt
AUS MÜHLHAUSEN UND NORDHAUSEN ASTRID GEISLER
Der Rechtsanwalt zögert, ob er reden soll. Was brächte es ihm? Einer wie Jan Keppler braucht keine Werbung mehr. Er wolle über den Termin nachdenken, sagt er am Telefon. Er bittet um Verständnis: Für die Behörde sei er doch sowieso schon der Staatsfeind Nummer eins! Ein paar Tage später richtet seine Sekretärin aus: kein Interview. Stattdessen schickt Keppler eine E-Mail, knapp zwei DIN-A4-Seiten, mit seiner Sicht der Dinge. Am Ende eine Bedingung: Sein Name muss geheim bleiben. Jan Keppler heißt also eigentlich anders.
Die Kanzlei Keppler liegt in einer Gründerzeitvilla, der Blick geht auf eine Lindenallee und die Türme der Altstadt. Die Lage ist genial - oder eine Frechheit, je nachdem, auf welcher Seite man steht. Gleich in der Parallelstraße befindet sich das Jobcenter Mühlhausen, offiziell "Arge Grundsicherung" genannt. Jan Keppler ist dort ein bekannter Mann, denn bevor er sich selbständig machte, hatte er in der Widerspruchsabteilung der Behörde seinen ersten Job gefunden. Seine frühere Chefin könnte ihm fast zuwinken aus ihrem Büro im obersten Stock, so kurz ist der Weg. Ingrid Richter lacht hell auf bei der Vorstellung. "Ich versichere Ihnen", ruft sie, "das werde ich nicht versuchen!"
Die Seite gewechselt
Über eine Karriere wie die Kepplers sollte die Geschäftsführerin des Jobcenters im Normalfall mit Freude berichten: Wie oft gibt es das schon - erfolgreiche Existenzgründungen, hier im ländlichen Thüringer Unstrut-Hainich-Kreis mit seinen 13,2 Prozent Arbeitslosen? Aber Ingrid Richter spricht nicht mal den Namen des Exkollegen aus. Sie nennt ihn "der gewisse Rechtsanwalt" oder "der Herr - Sie wissen schon". Manchmal sagt sie auch nur "das Phänomen" und ringt sich dazu ein Lächeln ab.
Gegenwind e. V.
Arbeitsloseninitiative
Glauchau-Zwickau-Cloppenburg







